7 Wald

Agenten waren diszipliniert. Sie hatten ihre Emotionen voll unter Kontrolle. Selbst Bewußtseins verändernde Drogen konnten dies nicht beeinträchtigen, es sei denn, ihre Wirkungen setzten die Funktion des Gehirns völlig außer Kraft. Das Unterbewußtsein eines Agenten war mit dem bewußten Teil integriert, so daß es keine unterdrückten Leidenschaften, keine verborgenen Monster gab.

Aber die brutale Hinmetzelung eines menschlichen Kleinkinds hatte sie erschüttert. Agententraining und Chirurgie konnten die fundamentalen Triebe, die sie zu einer Frau machten, nicht auslöschen. Beobachten zu müssen, selbst in einer Bildszene, wie ein Baby lebendig zerschnitten wurde wie irgendein Stück Schlachtfleisch und in den Rachen einer Maschine befördert wurde.

Dann hatte Veg das Bild gestört, und es war nicht wiedergekehrt. Und das war vielleicht auch gut so.

Eine andere Sache beunruhigte sie: das Gefühl, daß das Bild nicht gestellt, sondern echt war. Wie bei einem Fernsehbild: die Wiedergabe von Ereignissen, die tatsächlich irgendwo stattfanden. Wenn dem so war, handelte es sich nicht um eine Drohung, um die Gefangenen gefügig zu machen. es handelte sich um die Übermittlung lebensnotwendiger Informationen.

Vielleicht erwartete die Kontrolleinheit von ihnen, daß sie die Neuigkeiten wie Schwämme aufsaugten. Vermutlich würden weitere kommen. Aber sie war nicht gewillt, auf fremde Launen zu warten. Es war Zeit zu handeln.

Aber bevor sie handeln konnte, mußte sie Nachforschungen anstellen und wieder mit Taler in Verbindung treten. Das bedeutete, daß sie Cal und die Mantas laufenlassen mußte.

Aber sie konnte es sich nicht erlauben, das Trio sich selbst zu überlassen. Deshalb war sie ja schließlich mitgekommen! Wenn sie sie jetzt allein ließ, mochten sie irgendeinen unangenehmen Schaden anrichten, so wie sie es auf Paleo getan hatten.

Die Antwort, geradewegs aus dem Lehrbuch: eine Geisel nehmen.

Es gab keine Frage, welche. Cal war zu clever, um unmittelbar kontrolliert zu werden - wenn er überhaupt kontrolliert werden konnte. Er hatte den Agenten auf Paleo eine Lektion erteilt! Aquilon würde schwierig zu handhaben sein, weil sie eine Frau und kompliziert war. Die Mantas standen gar nicht zur Debatte. Es mußte also Veg sein: männlich, gut zu handhaben und nicht zu clever. Und sie hatte bei ihm schon vorgesorgt.

In der Zwischenzeit erholten sich die anderen von ihrem Schock. Keine Winkelzüge diesmal; sie reagierten genau so, wie man es von menschlichen Wesen erwarten konnte. Vielleicht war das einer der Punkte: Die

Fremden beabsichtigten, die Gruppe mittels verschiedener Methoden zu testen, und hielten die Reaktionen fest, genauso wie Psychologen weiße Ratten testeten.

»Was hat das zu bedeuten?« fragte Aquilon und beschattete ihre Augen dabei mit einer Hand, wie um das grelle Blenden der Vision fernzuhalten.

»Es bedeutet, daß sie uns treffen können - physisch und psychisch«, sagte Cal langsam. »Wann immer sie wollen. Wir könnten noch eine ganze Reihe von häßlichen Visionen vor uns haben. Aber was sie uns damit zu sagen versuchen, das ist unklar.«

Tamme wandte sich an den nächsten Manta. »Hast du es gesehen?« wollte sie wissen.

»Circe hat die Vision nicht gesehen«, antwortete Aquilon. »Ihre Augen sind anders. Sie können Gesamteindrücke nicht so aufnehmen, wie wir das tun. Sie haben keine Vorstellung von Perspektive oder von Kunst.«

Tamme wußte dies. Bevor sie durch die Öffnung von der Erde nach Paleo getreten war, hatte sie das vorhandene Material über die fungoiden Wesen studiert. Sie wußte, daß sie raffiniert und gefährlich waren. Ein Manta war aus der Gefangenschaft ausgebrochen und hatte sich auf einem Raumschiff verborgen, das in die Raumregion mit dem Planeten Nacre, der Heimatwelt der Mantas, fliegen sollte. Trotz anstrengender Suche war er niemals getötet oder wiedereingefangen worden, und so hatten sie Nacre mit einer zeitweiligen Sperre belegen müssen, um weitere Mantas daran zu hindern, in den Weltraum zu gelangen.

Das Mantaauge war eine organische Kathode, die einen kontrollierten Lichtstrahl aussandte und seine Reflexionen von umgebenden Objekten aufnahm. Das Radarauge war für diese Art des Sehens unübertroffen und arbeitete sowohl in der Dunkelheit wie auch bei Licht. Aber es hatte auch seine Nachteile, wie von Aqui- lon beschrieben. Wenn die Mantas das Wolkenbild allerdings gesehen hätten, wäre das höchst bezeichnend gewesen.

Cal verstand. »Wir sehen auf die eine Methode, der Manta auf eine andere. Ein Vergleich der beiden könnte zu bezeichnenden neuen Erkenntnissen über die Natur der Kraft geführt haben, die uns hierher gebracht und uns diese Szene gezeigt hat.« Er schüttelte den Kopf. »Aber wir haben klargestellt, daß die Mantas in der Wolke lediglich Energieblitze sehen, die extrem schnell aufleuchten und erlöschen. Sie können die Quelle dieser Blitze nicht wahrnehmen und sind nicht dazu ausgerüstet, irgendwelche Bilder zu erkennen.«

»Laßt es uns überschlafen«, sagte Veg rauh.

»Das Baby. irgend etwas damit.«, sagte Aquilon.

»Was tut eigentlich ein Baby allein in einer Alternativweit?« wollte Veg wissen. »Was auch immer ihr gesehen habt, es war nicht real.«

Tamme vertrat eine andere Ansicht. »Ein kleiner Manta, ein kleiner flugunfähiger Vogel und ein kleines menschliches Wesen - es gibt da ein Muster. Und sie sahen sehr real aus. Ich war in der Lage, die Körpersignale des Babys zu lesen. Es war durstig. Ich würde sagen, daß es real war. Oder wenigstens war es eine Projektion, die von einem realen Modell stammte.«

»Komisch, daß es ausgerechnet in einem Nest liegen mußte«, bemerkte Cal.

»Ich habe es irgendwie erkannt«, sagte Aquilon. »Ich weiß nicht, wer es war, aber es war jemand. Vielleicht einer von uns, zu der Zeit.«

Cal war überraschter, als er eigentlich sein sollte. Tamme hätte ihm deswegen gerne ein paar Fragen gestellt, aber jetzt war nicht die passende Gelegenheit. Warum sollte eine Mutmaßung über seine Kindheit eine Reaktion in ihm hervorrufen? Aber Aquilon hatte recht:

Es gab eine gewissen Ähnlichkeit mit Cal - und mit Aquilon selbst. Hatte die fremde Intelligenz irgendwie Zugang zu den menschlichen Erinnerungen gehabt und daraus einen zusammengesetzten Säugling entworfen?

Sie ließen sich nieder. Das Trio teilte ohne Verlegenheit das Innere des Zelts. Tamme schlief, auf eigenen und den Wunsch der anderen, abseits. Sie war nicht eingeladen worden, und die drei wollten sie nicht, aber sie akzeptierten ihre Gegenwart als einen der Begleitumstände dieser Mission.

Tammes Schlaf war nie tief, und sie träumte nicht auf die Weise, wie es die Normalen taten, bedingt durch die veränderte Natur ihres vom Computer gestalteten Bewußtseins. Ein großer Teil des menschlichen Schlafs war ein Filtern, Verdauen und Versinnbildlichen der Tagesgeschehnisse. Ohne dieses Sortieren und Ablegen würde das Bewußtsein bald zum Chaos degenerieren. Aber Agenten wurden regelmäßig neuprogrammiert und brauchten deshalb keine Katalogisierung des Langzeitgedächtnisses. Sie sank vielmehr in ein tranceartiges Stadium, während dessen sich ihr Körper entspannte und ihr Verstand die Entwicklungen im Hinblick auf ihre Relevanz für die Mission überprüfte und ordnete. Es kostete sie eine Stunde. Auch dabei waren Agenten sehr effizient.

Die anderen schliefen jetzt, Cal tief, Aquilon leicht, während Veg eine REM-Phase durchmachte. Die beiden Mantas waren zum Kundschaften weg. Wenn sie Glück hatte, würden sie für mehrere Stunden die vermeintlich ruhende menschliche Gruppe nicht überprüfen. Sie stand auf und legte Bluse, Rock und Schuhe ab. Ihre Finger arbeiteten flink, trennten Säume auf und preßten den Stoff in neuer Form wieder zusammen. Das war ein Trick, den männliche Agenten nicht anwenden konnten!

Als die Oberkleidung fertig war, legte sie BH, Slip und Unterhemd ab und gab auch ihnen eine neue Form. Dann staffierte sie sich in neuem, kunstvollen Format aus, ließ ihr Haar herunter und entspannte sich.

Wie erwartet, Vegs REM-Phase ging in einen Wachzustand über. Es war nicht so, daß er im Zusammenhang mit seiner gescheiterten Affäre mit Aquilon anhaltende komplexe Einstellungsprobleme lösen mußte - obwohl er, dies tat. Er hatte lediglich vergessen, auf die Toilette zu gehen, bevor er sich niederlegte. Tamme hatte gewußt, daß er zum gegebenen Zeitpunkt aufwachen würde.

Veg trat aus dem Zelt hervor. Tamme setzte sich aufrecht, als er an ihr vorbeiging. Er machte halt, genau wie sie gewußt hatte. Er konnte sie in der Dunkelheit kaum sehen, aber er war sich ihres Aufenthaltsorts sehr wohl bewußt.

»Bin nur auf dem Weg zum.«, murmelte er.

»Kommt vor«, sagte sie, aufstehend, ihn ansehend, ganz nahe.

Hoffnung, Ablehnung und Argwohn durchliefen ihn. Sie nahm die gemischten, unfreiwilligen Signale seines Körpers auf: erhöhte Schweißabsonderung, schnellerer Puls, Zusammenziehen der Muskeln, Gerüche von vorübergehender Anspannung. Sie konnte ihn natürlich sehen, denn sie verfügte über ein künstliches scharfes Nachtsichtvermögen - aber ihre Ohren und ihre Nase hätten ausgereicht. Normale waren so einfach zu lesen.

Veg ging weiter, und Tamme ging mit ihm, ihn berührend und ihren Schritt dem seinen anpassend. Ihre Kleider gaben jetzt ein leises, suggestives Rascheln von sich, was eine neue Bewußtheit in ihm auslöste. Er nahm den Grund für seine erhöhte Aufmerksamkeit nicht bewußt wahr, aber die Wirkung war stark. Und in seiner gegenwärtigen Gemütsverfassung, getrennt von

Aquilon, war er für Tammes kalkulierte Attacke viel verwundbarer, als er es normalerweise gewesen wäre. Außerhalb des Auditoriums gab es eine Lichtblume, deren Neonblütenblätter auf vielen Wellenlängen Illumination verbreiteten. Jetzt konnte Veg sie sehen - und es war ein neuerlicher Schlag für ihn.

»Sie haben sich verändert!«

»Sie sehen mich bloß in einem anderen Licht«, murmelte sie und drehte sich leicht in der unterschiedlichen Beleuchtung.

»Tolles Licht!« rief er.

Sie könnte den Weg seiner Blicke allein an Hand seiner Reaktionen verfolgt haben: warmherzige Empfänglichkeit für Gesicht und Haar, halbschuldiger Voyeurismus für die Kurve ihres Busens und den neu arrangierten Blusenausschnitt, schuldige Begierde für den betonten Schwung von Hüfte und Hinterteil.

Aber sein Schuldgefühl war nicht geradeheraus. Normalerweise zögerte er nicht, sich für den Charme von Frauen empfänglich zu zeigen. Aber er hatte seit einiger Zeit keine Begegnungen mit anderen Frauen gehabt. Seine Erfahrung mit Aquilon und das Wissen, sich in Gesellschaft einer Agentin zu befinden, veran- laßten ihn, sich zurückzuhalten. Blusenausschnitte und Hinterteile gaben ihm keine Schuldgefühle. Die hatte er jetzt nur, weil er unter den herrschenden Umständen darauf reagierte. Andererseits erhöhte diese Schuld die Verlockung in einer Art umgekehrten Feedbacks. Verbotene Früchte!

Sie wandte sich ab, seinen Blick auf die Früchte unterbrechend, und ging als erste den Pfad entlang, wobei sie ihre Gangart nur um das notwendige Bißchen betonte, um den Blick unauffällig anzuziehen. Hier war der Weg wie ein Tunnel unter wirbelnden Nebeln. Lichtdurchlässige Figuren wurden undeutlich in der Umge- bung sichtbar, die jedoch nie klar zu erkennen waren, selbst für Tammes Augen. Es gab so viele Wunder in dieser Stadt - wenn es nur möglich wäre, Kontakt mit der Erde herzustellen, so daß alles studiert und ausgenutzt werden konnte!

Sie hatten das Toilettenhäuschen über dem Schwarzen Loch errichtet: einem opaken Brunnen von fünf Metern Breite, dessen Tiefe nicht auslotbar war. Cal hatte gemutmaßt, daß er einst ein Aufzugsschacht gewesen war. Nun diente er als Sanitäreinrichtung.

Während Veg drinnen war, holte Tamme die Miniaturteile ihres Projektors hervor. Er würde eine kugelförmige Öffnung von zwei Metern Durchmesser projizieren, die fünfzehn Sekunden lang bestehen würde. Danach wurde sich das Gerät abschalten, um seine kleine Kraftzelle zu schonen. Die Zelle lud sich selbst wieder auf, allerdings langsam.

Ein Problem war, daß sie den Öffnungsprojektor nicht mitnehmen konnte. Sie mußte durch die Kugel steigen, während sie existierte.

Es wäre eine Katastrophe, wenn er abgeschaltet würde, während sie auf halbem Weg in dem Feld war. Ein Teil von ihr würde in der anderen Welt sein, der Rest hier - und beide würden tot sein. Zu dumm, daß Menschen nicht die Regenerierungskräfte von Regenwürmern besaßen: Man schnitt einen in der Mitte durch und schuf zwei neue Individuen!

Tatsächlich waren die Öffnungen zweiseitig. Es handelte sich in Wirklichkeit um Tunnel zwischen Alternativwelten, die man in beiden Richtungen durchschreiten konnte. Die Schwierigkeit war, daß das Gerät nicht von der anderen Seite aus aktiviert werden konnte. Zweifellos würden die Techniker im Laufe der Zeit eine Lösung für dieses Problem entwickeln. Oder vielleicht gab es sogar schon eine, nur daß sie ganz einfach noch nicht produktionsreif war. Alternativwelt-Projektion war eine Wissenschaft, die noch in den Kinderschuhen steckte.

Sie erwartete keine Schwierigkeiten, ging jedoch kein unnötiges Risiko ein. Sie schrieb eine kurze Botschaft an die Adresse Calvin Potters und befestigte sie an dem Generator.

Veg kam heraus. Es hatte nur ein paar Minuten gedauert, aber die Agentin hatte äußerst schnell gearbeitet. Alles war an Ort und Stelle.

»Was ist das?« fragte er.

»Ein Öffnungsgenerator«, sagte sie, sich erhebend und an ihn herantretend. »Sie meinen, Sie hatten so einen die ganze Zeit bei sich?« fragte er. »Wir hätten jederzeit zurückgehen können?«

»Ja und nein«, sagte sie, »Ich hätte ihn jederzeit benutzen können - aber es ist ein kalkuliertes Risiko. Unsere Öffnungstechnologie steht noch am Anfang. Wir scheinen eine Bestimmungsortzuverlässigkeit von weniger als fünfzig Prozent zu haben.«

»Sie werden zu technisch für mich«, sagte Veg und musterte wieder ihren zur Schau gestellten Körper. Aber sie wußte, daß er das Wesentliche verstand. Er spielte nur gerne die Rolle eines Ignoranten Hinterwäldlers, wenn alle anderen schwierige Worte benutzten. Dieses Fenster mochte sie dorthin zurückbringen, wo sie hergekommen waren, oder auch nicht.

»Wir hatten unseren Paleo-Projektor auf die Erde eingestellt«, sagte sie. »Statt dessen schuf er eine Öffnung in die Maschinenwüste. Dieser hier besitzt eine Zusatzvorrichtung. Er sollte uns dahin zurückbringen, wo der andere ist. Aber vielleicht tut er es trotzdem nicht.«

»Uns?« fragte er. »Sie können hingehen, wo Sie wollen. Ich bleibe bei meinen Freunden.«

Sie konnte ihn niederschlagen und durchschleudern.

Aber sie wollte seine Kooperation für den Notfall, und außerdem war es immer besser, die Dinge, wenn möglich positiv zu gestalten.

»Ich dachte nur, daß es so privater sein würde«, sagte sie, und benutzte ihre spezielle Muskelkontrolle, um ihre linke Brust suggestiv zucken zu lassen.

Die Suggestion hatte Erfolg. Aber mit dem Aufwallen seiner Begierde war augenblicklich Mißtrauen verbunden. »Was wollen Sie von mir?«

Zeit für eine Halbwahrheit. »Diese Generatoren sind zweiseitig - aber es ist besser, einen Operateur zu haben. Wenn ich drüben bin.«, sie deutete auf das potentielle Feld des Projektors, »... kann ich ihn von hier aus nicht wieder einschalten. Und wenn er sich nicht zum richtigen Ort hin öffnet, könnte ich gestrandet sein.« Sie zuckte die Achseln und gab mit ihrem Dekollete ein neuerliches Signal. »Das könnte einigen von Ihnen gefallen, aber.«

»Ähm«, sagte er und musterte sie abermals. »Wir sind alle schwache Menschen, die Dingen gegenüberstehen, die sie nicht verstehen. Wir müssen zusammenhalten.«

»Stimmt. Also.«

»Sie wollen also, daß ich zuerst rübergehe? Nein, danke! Ich habe das schon mal gemacht und bin fast von einer Maschine aufgefressen worden.«

»Nein, ich werde gehen«, sagte sie.

Er entspannte sich. Sein Argwohn kämpfte mit dem Wunsch, ihr zu glauben. Sie wußte, daß Cal ihn gewarnt hatte, sich mit einer Agentin einzulassen.

»Dann wollen Sie also, daß ich ihn in einer Stunde wieder anstelle, um Sie zurückzuholen?«

»Ja.« Sie holte tief Luft und brachte dadurch gekonnt die Objekte seines Blicks abermals zur Wirkung. »Natürlich.«

»Nicht sehr privat, wenn ich hier bin und Sie da«, stellte er fest.

Jetzt, da der Lockvogel trotz scheinbarer Übereinstimmung mit seinen vorangegangenen Einwänden zu entschwinden drohte, wurde er ärgerlich. Fisch am Haken.

»Nun, ,der Projektor kann so eingestellt werden, daß er nach einer gewissen Zeit auf Automatik geht. Ein simpler Uhrwecker. Und das Limit liegt nicht notwendigerweise bei einer Stunde. Es handelt sich um eine Kombination zwischen Belastungszeit-Parameter und Sicherheitsfaktor. Wir könnten eine Ladung von fünfhundert Pfund durchschicken - doppelt soviel wie normal - , aber dann müßten wir vier Stunden bis zur Rückkehr warten. Die Zeit multipliziert sich mit dem Quadrat der Masse, müssen Sie wissen. Für den Dauergebrauch sind zweihundertundfünfzig Pfund pro Stunde am effektivsten.«

»Verstehe«, sagte Veg. »Wir könnten also beide durchgehen. Zusammen würden wir nicht mehr wiegen als dreihundertundfünfzig...«

»Dreihundertundsechzig.«

»Mal langsam. Ich habe zweihundert. Und Sie können nicht mehr als hundertunddreißig.«

»Sie wiegen zweihundertundfünf - in der Wildnis haben Sie zugenommen. Und ich habe einhundertund- fünfzig, einschließlich meiner Ausstattung.«

»Das sieht man Ihnen nicht an!«

»Heben Sie mich.«

Er legte seine großen Hände unter ihre Ellbogen und hob sie mit Leichtigkeit. »Vielleicht stimmt es«, sagte er. »Aber Sie haben bestimmt kein Fett an sich.«

»Agenten sind stabiler, als sie aussehen. Unsere Knochen sind durch Metall verstärkt - im wahrsten Sinne des Wortes. Und das Androidenfleisch, mit dem man uns wieder aufbaut, ist dichter als das Ihre. Aber Sie haben recht: Kein Fett dabei.«

»Ich weiß, daß Sie zäh sind«, stimmte er nicht unbedingt erfreut zu. »Trotzdem, dürfte wohl sicherer sein, wenn wir beide gehen, für den Fall, daß es am anderen Ende bösen Ärger gibt.«

Wenn es wirklich Ärger gäbe, wäre sie allein besser dran. Aber darum ging es nicht. »Ja. Aber dann würde es einen langen, ununterbrochenen Aufenthalt geben - und niemand könnte uns erreichen.« Sie atmete wieder ein.

Veg brauchte nicht lange, um die sich bietenden Möglichkeiten zu erkennen. Zwei, vielleicht drei völlig ungestörte private Stunden mit dieser verführerischen Frau! »Sicherheit zuerst!« sagte er. »Gehen wir und sehen wir uns um!«

Er hatte nach dem Köder geschnappt, angelockt vom Reiz des Erforschens und auch durch ihre eigene Verführungskunst. Und sie hatte wirklich nicht zu lügen brauchen. Bei einem Routinedurchgang war es sicherer zu zweit, und die Beschränkungen des Generators waren genau so, wie sie sie beschrieben hatte.

Sie hatte wirklich mehr Mühe als unbedingt notwendig auf sich genommen, um ihn mitzunehmen. Ein Knockout oder eine glatte Lüge hätten in Sekundenschnelle dasselbe Ergebnis gebracht. Aber beide dieser Techniken härten später zu Komplikationen geführt. Auf diese Weise würde er nicht nur als wirkungsvolle Geisel dienen - er könnte unter einer ganzen Reihe von Umständen eine echte Hilfe sein. Sie mußte ihn nur richtig vorbereiten. In drei Stunden konnte sie sehr viel mit einem Mann anfangen.

»In Ordnung«, sagte sie. »Sie sind bewaffnet?«

Sie wußte, daß er es war. Sie wollte lediglich seine Wachsamkeit wecken.

Er nickte. »Ich habe immer ein Messer bei mir. Meine andere Ausrüstung habe ich an diese Maschine in der Wüste verloren.«

»Wenn es irgendeine Bedrohung aus größerer Entfernung geben sollte, werde ich sie abwehren.«

Er starrte einmal mehr auf ihre halb entblößten Brüste. »Ja - wie Taler!«

Sie lachte auf, ganz ehrlich diesmal, weil sie wie er wußte, daß es zwischen Agenten keine Eifersucht gab. Sie stellte den Rückkehröffnungswecker auf drei Stunden ein, wobei sie eine angemessene Spanne für das Wiederaufladen berücksichtigte, und aktivierte den Projektor.

Als sich die Kugel heranbildete, zog sie ihn mit sich durch die Öffnung.

Es verging keine Zeit; nur das eigenartige Zerren des Transfers war zu spüren. Sie kamen in einer ganz anderen Welt heraus. Wo bisher surrealistische Gebäude gewesen waren, gab es jetzt Bäume.

Nicht die Wüstenwelt. Sie hatte es befürchtet.

»Weder Paleo noch die Erde«, sagte Veg, der diesmal ihre Gedanken voraussah, bevor sie die seinen lesen konnte.

Tamme blickte sich wachsam um. »Woher wollen Sie das wissen? Dies ist ein Wald - und es gibt Wälder auf beiden Welten.«

»Dies ist der Wald des Uranfangs«, sagte er, unbewußt auf die amerikanische Literatur zurückgreifend.

»Evangeline«, sagte Tamme.

»Wer?«

»Longfellows Gedicht, aus dem Sie zitiert haben. Evangeline, A Tale of Acadie, Jahrgang 1847.«

»Oh. Stimmt, ihr Agenten tut das. Habt zu viele von diesen dichten Androidenmuskeln in euren Gehirnen.« Er schnitt eine Grimasse. »Was ich sagen wollte ist, daß dieser Wald noch nie vom Menschen berührt wurde. Es ist also nicht die Erde - unsere Erde. Und es ist ein Gebiet mit hohem Niederschlag, also ist. es nicht die Wüstenwelt - jedenfalls nicht diese Örtlichkeit hier, nicht dieses Jahrtausend. Sehen Sie sich die Größe der Fichte da drüben an.«

»Die Öffnung führt nicht zwangsläufig zur selben geographischen Stelle auf der Alternativwelt«, erinnerte sie ihn. »Jede Alternativwelt scheint sich zeitlich von den anderen zu unterscheiden, und so könnte sie sich auch räumlich unterscheiden, weil sich der Globus bewegt. Beispielsweise haben wir hier jetzt Tag statt Nacht, so daß wir irgendwoanders auf dem Globus sein müssen. In Teilen der Welt, die Sie Wüstenwelt nennen, gab es Vegetation.«

»Das sagte ich ja. Aber keine Bäume wie diese. Die Maschinen dort fraßen auch Holz. Sie hätten in diese Bäume hier längst reingesägt - das haben sie jedoch nicht getan.«

Er hatte recht. Ihre Sinne nahmen eine leicht andere chemische Zusammensetzung der Atmosphäre dieser Welt wahr. Obwohl es töricht wäre, eine ganze Welt anhand eines kleinen Bruchteils davon zu beurteilen, handelte es sich um eine neue Alternativwelt. Die Veränderungen waren nicht groß, aber bezeichnend.

»Ich bin nicht überrascht«, gab sie zu. »Mein Öffnungsprojektor ist auf Paleo eingestellt - aber wir sind nicht von der Wüstenwelt aus gestartet. Diese Funkenwolke hatte uns in eine unbestimmte Alternativwelt versetzt. Wir sind also nicht mehr phasengleich.«

»Ja. Als ob man den falschen Bus genommen hätte.«

Das war nicht sehr präzise, aber sie war überrascht, daß er als Vergleich ein so uraltes Vehikel heranzog, aber es kam schon hin. »Es könnte eine lange, beschwerliche Suche nach Hause werden.«

»Ihr Zuhause vielleicht. Ich würde Paleo wählen. Oder Nacre.«

»Nacre ist nicht Teil der Erdalternativen. Sie müßten also.«

»Aber wir können doch zu der Stadtwelt zurückkehren, richtig? Wir sind nicht von dort abgeschnitten?«

»Ja, in knapp drei Stunden. Damit sind wir phasengleich. Aber wir werden genau an dieser Stelle stehen müssen, sonst verfehlen wir sie.«

»Nun, wir sollten keine Zeit vergeuden!« rief er. »Hier ist es wundervoll. Der schönste Nadelwald, den ich je gesehen habe.«

Sie lachte. »Wirklich tolle Bäume! Aber wie können Sie wissen, daß dies hier nicht Paleo ist? Es gibt dort jede Menge jungfräuliches Nadelholz!«

Sie wußte, daß dies hier nicht Paleo war, war jedoch an seiner Begründung interessiert.

»Es ist nicht dasselbe. Dies sind neuzeitliche Fichten. Sehen Sie doch, die Nadeln sind anders. Bäume entwickeln sich, müssen Sie wissen, genau wie Tiere. Diese Weißfichte da - sie ist anders als die irdische Weißfichte, kleine Unterschiede.«

Sie hob die Hände in spielerischer Aufgabe. Er machte ihr nichts vor. In diesem Augenblick interessierte ihn der Wald mehr, als sie das tat, und er wußte mehr als sie über dieses Gebiet der Botanik. Agenten verfügten über eine hervorragende Allgemeinbildung, aber sie konnten nicht auf jedem Gebiet Experten sein.

Unterdessen hatte sich die zwischenmenschliche Situation ebenso geändert wie die Umwelt. So wie Sex für diesen Mann vom Land relativ attraktiv war, wenn es ihn in die Stadt verschlagen hatte, so war dieser herausfordernde neue - oder vielmehr alte - Wald noch

attraktiver.

Was nicht ganz das war, was sie vorhergesehen hatte. Bei den Normalen gab es immer wieder unerwartete Anwandlungen! Agenten hingegen waren, in angenehmen Gegensatz dazu, völlig berechenbar - für andere Agenten. Sie waren so entworfen worden.

Angenehmer Gegensatz? Tatsächlich sorgte es für eine gewisse Langeweile, führte sie sich vor Augen, wenn die Mission länger als ein paar Stunden oder Tage dauerte. Bei einigen Dingen war Berechenbarkeit alles andere als ideal.

Sei vorsichtig, dachte sie dann. Sie begann an einer Erfahrungsüberlastung zu leiden, und ihr stand kein Traummechanismus zur Verfügung, um in ihrem Denken das frühere Gleichgewicht wiederherzustellen. Es war unausweichlich, daß sie dadurch mehr zu einem Individuum wurde, als der Computer so ohne weiteres tolerieren konnte. Wenn diese Entwicklung zu weit ging, würde ihr Bericht mit Mißtrauen angesehen werden oder sogar wertlos sein. Wegen dieser Abweichung von der Verläßlichkeit galt als allgemeine Regel, daß die Mission eines Agenten nicht länger als zehn Tage hintereinander dauern sollte. Für sie waren es jetzt bereits neunzehn Tage, und das Ende ließ sich noch nicht absehen.

Sie schauderte. Wie gut würde es doch sein, wenn sie zur Computerzentrale zurückkehren könnte, um neu programmiert zu werden - und wie übel, so lange draußen bleiben zu müssen, daß sie die Geistesverwandtschaft mit ihrer TA-Serie verlor!

Veg bewegte sich zwischen den Bäumen umher, klopfte die Stämme ab, untersuchte die Nadeln. Er war in seinem Element! Er litt nicht die Qualen einer heraufdämmernden Identität!

Es gab, so schien es, reichlich unberührte Welten, die der Ausbreitung des Menschen zur Verfügung standen. Das Problem der irdischen Bevölkerung und ihrer Ressourcen würde gelöst sein - sobald sie zurückkehrte.

Sie würde umkehren, eine Neuausrichtung vornehmen und eine Übersicht über die Alternativwelten beginnen müssen. Es würde zu mühsam sein, jedesmal selbst hinüberzugehen. Sie würden einen Erkundungssensor entwerfen, der wegen seiner geringen Masse beim Durchgang nur wenig Energie benötigte. Indem sie ihn wie einen Tennisball durch die Öffnung hin und her springen ließ, konnte sie binnen einer Stunde ein ganzes Dutzend von Welten überprüfen, wobei die einzige Zeitverzögerung die Neueinstellung des Projektors nach jedem Versuch sein würde.

Letzten Endes würde sie Veg doch nicht brauchen. Nicht bevor sie vertrautes Territorium lokalisiert hatte.

Drei Stunden. Sie konnte schlafen, denn sie verfügte über ein perfektes Zeitgefühl und würde aufwachen, wenn die Rückkehröffnung fällig war. Aber zuerst würde sie eine Kurzerkundung dieser Lokalität vornehmen, denn es mochte sich herausstellen, daß sie von allen, die man bisher entdeckt hatte, für die Ausbeutung am geeignetsten war. Erdähnlich, neuzeitlich, keine Dinosaurier.

Sie hob die Hände, packte einen abgestorbenen Ast der Fichte und zog sich hoch. Der Stamm hatte am Boden einen Durchmesser von rund zwei Metern, und die Spitze war nicht zu sehen. Sie kletterte schnell und wand sich zwischen den Ästen hindurch, als diese kleiner wurden und dichter beieinander saßen. Sie hätte aber besser etwas an ihrer verführerischen Aufmachung geändert. Bäume waren dafür nicht gut, und die Kleidung behinderte ihre Fortschritte. Ein paar Schnitte oder Kratzer an der sichtbaren Oberfläche ihrer Brüste würden sie nicht stören, mochten Veg jedoch abschrecken - und sie brauchte ihn möglicherweise noch.

Der Stamm verdünnte sich an der Spitze beunruhigend und schwankte im steifer werdenden Wind. In einer Höhe von etwa sechzig Metern machte sie halt und hielt Ausschau. Es gab eine Anzahl von hohen Bäumen, von denen einige bis zu fünfundsiebzig Metern hochragten. Die Weißfichte war, wenn sie Gelegenheit hatte, zu wachsen, einer der höchsten Bäume, vergleichbar mit der Douglasfichte und jungen Mammutbäumen. Veg würde alles darüber wissen! Jetzt jedoch behinderten diese hohen Bäume ihr Blickfeld, so daß alles, was sie sehen konnte, noch mehr Wald war. Sie hatte ihre Zeit verschwendet. Kein Zweifel, daß ihr Veg auch das hätte sagen können.

Sie stieg nach unten, um ihn dort wartend und zu ihr hochblickend vorzufinden. Typisch Mann! Sie brauchte sich kaum Mühe zu geben, ihre Auslagen vorzuzeigen. Er wußte schon, wie er sie selbst finden konnte. Ein Rock zum Baumklettern!

»Wenig sinnvolles Klettern«, bemerkte er. »Das ist Pfadfinderromantik - nutzlos in einem richtigen Wald. Alles, was man sehen kann, sind.«

»Weitere Bäume«, vervollständigte sie an seiner Stelle. »Ich habe vom Boden aus mehr sehen können.«

»Danke.«

»Habe auch noch was anderes gefunden.«

Jetzt las sie seine Körperzeichen: Er war erregt, und nicht nur durch den Nahblick auf ihre Schenkel, als sie vom Baum geklettert kam.

Er wußte, daß sie das, was er zu berichten hatte, stark berühren würde.

Tamme zögerte, versuchte festzustellen, was es war, bevor er es ihr sagte. Es war keine Bedrohung, kein Jux. Keine menschliche Niederlassung. Was denn?

»Sie können es nicht sagen, was?« meinte er befriedigt. »Also, kommen Sie mit.«

Er führte sie zu einer kleinen Waldschneise, einer Lichtung, die durch einen umgestürzten Riesenbaum entstanden und noch nicht wieder zugewachsen war. Der mächtige Stamm, zweieinhalb Meter dick, lag verrottend auf dem Boden. Und nahe bei seinem geborstenen Stumpf.

»Ein Öffnungsprojektor!« rief sie verblüfft.

»Dachte mir, daß Sie überrascht sein würden. Schätze, wir waren doch nicht die ersten hier.«

Tammes Gedanken rasten. Es gab keine Möglichkeit, wie ein solches Gerät hierhin gekommen sein könnte - es sei denn, als Relikt eines menschlichen Besuchs. Eines Agentenbesuchs, denn es handelte sich um ein Agentenmodell, ähnlich dem ihren. Aber nicht identisch

-nicht ganz.

»Ein Alternativwelt-Agent ist hier vorbeigekommen«, sagte sie. »Und nicht vor langer Zeit. Innerhalb der letzten fünf Tage.«

»Weil das Gestrüpp noch nicht drübergewachsen ist«, sagte Veg. »Das meinte ich auch. Es kann nicht Ihrer sein, nicht wahr?«

»Nein.« Die Schlußfolgerungen waren atemberaubend. Wenn ein Alternativwelt-Agent hergekommen war, war die Erde nicht allein. Es konnte Millionen von hochentwickelten menschlichen Gesellschaften geben, die das Geheimnis des Öffnungsreisens kannten und um nicht ausgebeutete Welten miteinander wetteiferten. Was würde sie tun, wenn sie einem dieser fremden Agenten begegnete, der genauso hervorragend ausgebildet und seiner Welt genauso ergeben war wie sie der Erde?

Durch pures Glück hatte sie von dem anderen Agenten zuerst erfahren. Bevor er etwas von ihr erfuhr.

Dies war wohl die Mission ihres Lebens - und der

Kampf um das Überleben der Erde.

Sie stand jetzt vor der augenblicklichen Wahl: Zu der surrealistischen Stadt zurückzukehren und in der Hoffnung, dabei den Weg nach Hause zu finden, mit der Überprüfung der Alternativwelten zu beginnen. Oder eine ungewissere Initiative zu ergreifen, indem sie dem Konkurrenzagenten folgte und den Versuch unternahm, ihn zu töten, bevor er seiner Welt einen Bericht übermitteln konnte.

Beide Alternativen waren verwirrend komplex. Sie war dazu ausgebildet, schnelle Entscheidungen zu treffen aber niemals hatte das Schicksal der Erde von ihrem Stegreifurteil abgehangen, nicht einmal potentiell. Deshalb suchte sie nach einem Rat durch die Meinung eines anderen.

»Veg, wenn Sie auf die Spur eines hungrigen Tigers stoßen würden und wüßten, daß es um Sie oder um ihn geht - was würden Sie tun? Der Fährte folgen oder nach Hause zurückkehren, um Hilfe zu holen?«

Veg sah sie schräg an.

»Kommt darauf an, wie weit zu Hause ist und wie ich bewaffnet bin. Aber vermutlich würde ich nach Hause gehen. Ich töte nicht gerne.«

Sie hatte die falsche Frage gestellt - ein weiteres Anzeichen dafür, daß sie auf sich aufpassen mußte. Ein Agent durfte keine elementaren Fehler begehen! Natürlich würde der Vegetarier einer Auseinandersetzung mit einem Tier aus dem Weg gehen.

»Nehmen wir an, es wäre die Spur eines Mannes, der genauso stark und clever ist wir Sie - eines Feindes, der Sie töten würde, wenn Sie ihn nicht zueist töten?«

»Dann würde ich ganz bestimmt nach Hause gehen! Ich gehe doch nicht hin und suche nach einem Kampf auf Leben und Tod!«

Sie fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. »Jeder vernünftige Mensch würde dasselbe tun. Davon kann man ziemlich sicher ausgehen.«

»Ja.«

»Aber das Geheimnis des Sieges ist es, das Unerwartete zu tun.«

»Ja.«

»In Ordnung. Die Öffnung, die wir benutzt haben, wird in zwei Stunden und elf Minuten wieder auftauchen. Überprüfen Sie Ihre Uhr. Sie werden nur fünfzehn Sekunden Zeit haben.«

»Ich habe keine Uhr.«

Da war es schon wieder passiert. Ihre Hauptbeschäftigung mit den wichtigeren Dingen ließ sie das Offensichtliche auf immer verheerendere Art und Weise übersehen. Sie brauchte eine Neuorientierung durch den Computer, konnte sie jedoch nicht bekommen. Ihr blieb keine andere Wahl, als vorsichtiger weiterzumachen.

Sie löste ihre eigene Uhr und überreichte sie ihm. »Alles, was Sie tun müssen, ist, genau dort zu stehen, wo wir gelandet sind. Tatsächlich sind Sie am besten beraten, wenn Sie sich gleich jetzt dorthin begeben und an Ort und Stelle Ihr Lager aufschlagen. Dann werden Sie automatisch zurücktransportiert werden, selbst wenn Sie schlafen. Sagen Sie Ihren Freunden, wohin ich gegangen bin, und warten Sie dann in der Stadt. Cal wird es verstehen.«

Er war verwirrt.

»Wohin gehen Sie denn? Ich dachte.«

Sie kniete neben dem Generator nieder. »Ich folge dem Tiger. Es wird nicht sehr schön werden, und es ist möglich, daß ich nicht zurückkomme. Es ist nicht fair, Sie noch weiter hineinzuziehen.«

»Sie wollen mit diesem anderen Agenten kämpfen?«

»Ich muß es tun. Für unsere Welt, die Erde.«

»Sie nehmen mich nicht mit?«

»Veg, es tut mir leid, aber ich habe Sie ausgenutzt. Es war eine notwendige Sicherheitsvorkehrung. Meine Ziele sind nicht die Ihren, und dies ist nicht ihr Kampf. Gehen Sie zu Ihren Freunden zurück.«

Während sie redete, überprüfte sie den Projektor, vergewisserte sich, daß er funktionierte, und prägte sich die Einstellung ein.

»Das war also die Nachricht, die Sie zurückgelassen haben«, sagte er weise. »Eine Warnung an Cal und 'Quilon, nicht irgendwas zu versuchen, wenn sie nicht wollten, daß mir etwas zustößt.«

Sie nickte zustimmend. »Der Projektor ist verwundbar. Wenn Sie ihn verrücken oder die Einstellung verändern würden, selbst unbeabsichtigt.« Sie konnte natürlich dasselbe mit diesem hier tun und zur Stadt zurückkehren, aber das war keine sichere Methode, um das Problem zu lösen. Der andere Agent mochte einen weiteren Projektor bei sich haben, so daß ihre Aktion ihn nur aufmerksam machen würde - und ein Agent brauchte nicht mehr als eine einzige Warnung! Nein, sie mußte ihm folgen, mußte ihn fangen, bevor er wußte, was los war, und ihn töten - wenn sie konnte.

»Und jetzt lassen Sie mich gehen.« Die Mischung seiner Emotionen war zu komplex, um unverzüglich durch sie analysiert zu werden. Der Projektor war wichtiger.

»Es war nicht persönlich gemeint, Veg. Wir tun, was wir tun müssen. Wir sind Agenten, keine normalen Menschen.« Alles war in bester Ordnung. Der Projektor war seit Tagen nicht benutzt worden, so daß er erholt und sicher einsatzbereit war. »Wir lügen, betrügen und töten, wenn wir es müssen, aber wir tun diese Dinge nicht, weil sie uns Spaß machen. Ich nehme an, es schadet nichts, wenn ich es Sie jetzt wissen lasse: Es hat mir ungeheuer leid getan, die Dinosaurier auf Paleo vernichtet zu sehen. Wenn ich zu bestimmen gehabt hätte, würden wir Sie und die Tiere in Frieden gelassen haben. Aber ich folge meinen Befehlen buchstabengetreu und fälle, wenn ein Urteil zu fällen ist, dieses nur im Sinn meiner Instruktionen.« Sie blickte hoch und lächelte knapp. »Glauben Sie es einem trainierten Lügner und Killer: Aufrichtigkeit und Friedlichkeit sind normalerweise die beste Politik.«

»Ja. Ich wußte, daß Sie mich ausnutzten. Darum habe ich auch das Interesse verloren, nachdem ich es richtig durchdacht hatte. Ich bin etwas langsam, aber ich komme schon rechtzeitig dahinter. Bäume nutzen Menschen nicht aus.«

Sie nahm sich einen Augenblick Zeit, dies in ihm zu verifizieren. Er meinte es ernst. Täuschungsmanöver stießen ihn ab, selbst wenn er sie nicht bewußt durchschaute. Sie hatte ihn schon vorher falsch gelesen, und das war schlecht. Sie hatte die Wirkung ihres Sex Appeals überschätzt. Die Voreingenommenheit lag mehr auf ihrer als auf seiner Seite. Sie verlor den Boden unter den Füßen.

Veg hatte Aquilon geliebt - liebte sie noch, zum Teil wegen ihrer grundsätzlichen Integrität. Er hatte das Interesse an Tamme verloren, als sich ihre Agentennatur klar herausgestellt hatte. Er war ein ehrlicher Mensch. Jetzt steigerte sich sein Interesse wieder, weil sie ihm nichts vormachte.

»Ich habe Ihnen ein Versprechen gegeben«, sagte sie. »Da ich Sie möglicherweise nicht wiedersehen werde, ist es nur recht und billig, wenn ich dieses Versprechen jetzt einlöse.« Sie ließ den Finger am Saum ihrer tief ausgeschnittenen Bluse entlanggleiten und öffnete sie.

Veg kämpfte schwer mit der Versuchung. Sie las die Signale überall an seinem Körper. Kein Fehler diesmal!

Aber irgend etwas in ihm sperrte sich. »Nein, das ist bezahlte Liebe. Nicht die Art, um die es mir geht.«

»Keine schlechte Bezahlung. Sex ist für uns nicht mehr als eine Technik. Und. Sie sind schon ein Mann, Veg!«

»Trotzdem vielen Dank«, sagte er. »Machen Sie besser mit Ihrer Mission weiter.« Ein turbulenter Entscheidungsprozeß spielte sich in ihm ab, eine vielschichtige Schmerz/Vergnügen-Metamorphose. »Zeit kann einen Unterschied ausmachen - vielleicht sogar eine halbe Stunde.«

»Ich habe vorher versucht, Sie zu hintergehen«, sagte sie. »Das hat Ihnen den Mut genommen. Jetzt bin ich vollkommen bei der Wahrheit. Ich habe Sie in bezug auf das, was ich Ihnen anbot, nie hintergangen, nur was das Motiv angeht. Und das hat sich jetzt geändert. Ich würde es vorziehen, mich in Freundschaft von Ihnen zu trennen.«

»Ich weiß das zu schätzen. Wir haben Freundschaft. Aber ich meinte das mit der Zeit, die einen Unterschied ausmacht. Sie sollten schnell gehen.« Sie las ihn noch einmal. Der komplizierte Knoten seiner Motive blieb unlösbar. Er wollte sie, würde sie jedoch nicht nehmen. Sie hatte nicht die Zeit, all die Fäden der Situation zu entwirren - Fäden, die weit bis in seine Beziehung zu Aquilon zurückreichten.

»Gut.« Sie machte ihre Bluse wieder zu.

Sie hatte nicht gelogen. Veg war ein besserer Mann, als sie gedacht hatte. Unter seiner oberflächlichen Simplizität steckte eine gewisse Qualität. Sich mit ihm einzulassen, wäre keine Quälerei gewesen, lediglich eine Ungelegenheit.

Sie stellte den Projektor an. Das kugelförmige Feld baute sich auf.

»Wiedersehen, Veg«, sagte sie und küßte ihn schnell.

Dann trat sie in das Feld. Und er trat mit ihr hinein.